Das Projekt LESCO. Entstehung und Durchführung eines Forschungsprojekts für eine erste Beschreibung der Costa-ricanischen Gebärdensprache (2011–2013)

Oviedo-ChristianPor Alejandro Oviedo y Christian Ramírez Valerio,

Berlín y San José, 2013.

Sección: Artículos, lingüística.

 

Über diesen Artikel [1], [2]

Im Juni 2013 wurde in Costa Rica das Projekt LESCO abgeschlossen. LESCO steht für Lengua de señas costarricense, der spanischen Bezeichnung für die costa-ricanische Gebärdensprache. Es handelte sich um ein durch öffentliche Mittel finanziertes Forschungsprogramm, aus welchem ein Datenkorpus in Gestalt transkribierter Filmaufnahmen, weiterhin eine Basisgrammatik und ein Wörterbuch der LESCO hervorgingen. Beide Verfasser dieses Artikels waren zwischen 2011 und 2013 für die Durchführung des Projekts verantwortlich.

Das Projekt war Teil eines breiter angelegten Programms zur Sprachplanung[3] der LESCO, koordiniert durch die Regierung Costa Ricas.

Der nachfolgende Artikel beschreibt den Kontext, aus dem heraus das Projekt LESCO entstanden ist und entwickelt wurde, kommentiert dessen Ziele, die methodische Vorgehensweise und die erlangten Ergebnisse.[4]

 

  1. Vorgeschichte und Kontext des Projektes LESCO

1.1. Costa Rica

Costa Rica ist ein spanischsprachiges Land in Mittelamerika. Im Vergleich zu anderen Ländern dieser Region gilt Costa Rica als politisch und wirtschaftlich stabil und verfügt über einen höheren Lebensstandard. International gesehen hat es den Ruf eines pazifistischen (die Armee wurde 1948 abgeschafft) und ökologisch höchst interessanten Landes[5], wodurch ein alternativer, umweltverträglicher Tourismus befördert wird. Auch der Schutz von Minderheiten wird in Costa Rica groß geschrieben.

1.2. Die Costa-ricanische Gebärdensprache

James Woodward (1991 und 1992) führte Anfang der 1990er-Jahre in Costa Rica die ersten sprachwissenschaftlichen Forschungen durch und fand heraus, dass zum damaligen Zeitpunkt im Land vier Gebärdensprachen verwendet wurden: OLESCO[6] wurde hauptsächlich in den Städten von Personen, die über 40 Jahre alt waren, benutzt; NLESCO[7] war und ist in der jüngeren städtischen Gehörlosengemeinschaft geläufig; des Weiteren die Brunca-Gebärdensprache (Lengua de Señas Brunca) und die Bribri-Gebärdensprache (Lengua de Señas Bribri)[8].

Auf die Studien Woodwards wurde in späteren Arbeiten nicht Bezug genommen. Während die Brunca-Gebärdensprache laut Meinung einiger Gehörloser in Costa Rica angeblich auch gegenwärtig noch Anwendung findet, ist die Bribri-Gebärdensprache ausgestorben (vgl. Ramírez Valerio 2013). OLESCO wird heutzutage lediglich noch von einigen über 60-Jährigen genutzt und ist für jüngere Gehörlose, die nicht in regelmäßigem Kontakt mit dieser Variation stehen, schwer verständlich.[9] NLESCO ist dagegen die mehrheitlich angewendete Gebärdensprache der Gehörlosengemeinschaft des ganzen Landes – die Sprache, die in Kursen unterrichtet wird und in der Kommunikation mit Hörenden mittels Gebärdensprachdolmetschern Verwendung findet. Auch das Projekt LESCO befasste sich mit dieser Gebärdensprache.

1.3. Gesetzlicher Status der Gebärdensprache

Die sprachlichen Rechte der costa-rikanischen Gehörlosen wurden sukzessiv durch das Gesetz 7.600 (vgl. Costa-ricanische Republik 1996), die Richtlinie 27 (vgl. Costa-ricanische Republik 2001), das Gesetz 8.661 (vgl. Costa-ricanische Republik 2008) und das Gesetz 9.049 (vgl. Costa-ricanische Republik 2012) anerkannt. Das zuletzt genannte Gesetz besagt, dass LESCO die „Muttersprache der Gehörlosengemeinschaft“ ist.

1.4. Gehörlosengemeinschaft

Laut einer Volkszählung der costa-rikanischen Regierung gab es in Costa Rica 2011 70.709 Hörgeschädigte und 29.413 Sprachgeschädigte (vgl. INEC 2011, 79). Angaben zur Anzahl der Gebärdensprachnutzer liegen nicht vor.

In der Landeshauptstadt San José ist eine Gehörlosengemeinschaft mindestens seit den 1960er-Jahren aktiv (vgl. Retana 1993). Der erste Verein wurde 1974 gegründet. Des Weiteren gibt einen nationalen Verein namens Asociación Nacional de Sordos de Costa Rica (ANASCOR), welcher dem Weltverband der Gehörlosen angehört. Im Jahr 2008 zählte ANASCOR 500 Mitglieder (vgl. WFD & SNAD 2008). Gegenwärtig existieren im Land darüber hinaus viele weitere Organisationen Gehörloser, die privaten Charakter haben und ANASCOR nicht angeschlossen sind.[10]

1.5. LESCO-Kurse und -Dolmetscher

Die Universidad de Costa Rica in San José bietet Gebärdensprachkurse unter dem Titel „LESCO als Zweitsprache (L2)“ an. Des Weiteren bildet sie Gehörlose als Dozenten aus, die Hörende in LESCO (als L2) unterrichten sollen. Andere private und staatliche Organisationen bieten ebenfalls LESCO-Kurse an. Die Kurse richten sich überwiegend an Beamte und Angestellte staatlicher Einrichtungen, die per Gesetz 7.600 dazu angehalten sind, LESCO zu erlernen.

2012 wurde ein nationaler Verband der LESCO-Dolmetscher gegründet, dem auch Übersetzer und Gebärdensprachforscher angehören (Asociación Nacional Costarricense de Traductores, Intérpretes e Investigadores de la LESCO; ANCITILES). Allerdings gibt es bis heute im Lande kein Ausbildungsprogramm für LESCO-Dolmetscher. Eine geringe Anzahl von Dolmetschern verfügt aber über eine Zertifizierung durch die Universidad de Costa Rica.[11] Aktuell hat der Nationalrat für Rehabilitation und Sonderpädagogik (Consejo Nacional de Rehabilitación y Educación Especial, eine Abteilung der costa-ricanischen Regierung), gestützt auf die Gesetze 8.661 und 9.049, einen Workshop für Gebärdensprachdolmetscher eingerichtet, an dem Repräsentanten diverser öffentlicher sowie privater gehörlosenspezifischer Organisationen beteiligt sind. Dieser Workshop dient in erster Linie dazu, die Unterschiede zwischen LESCO und gebärdentem Spanisch herauszuarbeiten.

1.6. Gehörlosenbildung und LESCO-Unterricht

1940 wurde in San José eine Förderschule eröffnet, in die auch mehrere gehörlose Kinder aufgenommen wurden. In den 1960er-Jahren wurde im nahe gelegenen Cartago eine weitere Schule ausschließlich für gehörlose Kinder gegründet, und später wurden auch an regulären Schulen Klassen für gehörlose Schüler eingerichtet.

Der Unterricht gehörloser Schüler war zunächst rein oral ausgerichtet; erst 1974 wechselte man zum Total Communication-Ansatz, wodurch nun auch Gebärden im Unterricht verwendet wurden (vgl. Moores 1978). Dies veranlasste das Bildungsministerium (Ministerio de Educación Pública), eine Sammlung lokaler Gebärden zusammenstellen zu lassen und als erstes ‚Gebärden-Lexikon‘ zu veröffentlichen (vgl. Bravo 1979). Zeitnah wurden Gebärdenkurse für Hörende in zwei Niveaustufen eingerichtet: „Comunicación Total I“ und „Comunicación Total II“ (vgl. Ramírez Valerio 2007).[12]

In den 80er-Jahren wurde an der Pädagogischen Fakultät der Universidad de Costa Rica das Zentrum PROGRESO[13] geschaffen. Dieses Zentrum, an dem auch einige gehörlose Dozenten arbeiten, dient der Förderung gehörloser Menschen im zentralamerikanischen Raum. Dementsprechend wurde ein vierstufiger Lehrplan zur Unterrichtung der LESCO als Zweitsprache entwickelt und man begann außerdem, gehörlose LESCO-Dozenten auszubilden. Darüber hinaus richtete PROGRESO einen akademischen Austausch mit der Gallaudet University ein (vgl. Ramírez Valerio 2007). In diesem Kontext entstanden die zweite Sammlung von LESCO-Gebärden (vgl. López 1992) und eine erste Beschreibung grammatikalischer Aspekte der LESCO (vgl. Retana 1993). Zu diesem Zeitpunkt hatte sich „LESCO“ bereits als Bezeichnung für die Costa-ricanische Gebärdensprache etabliert. Während der gesamten 1990er-Jahre war PROGRESO die Institution, unter deren Leitung die Sprachplanung der LESCO vorangetrieben wurde.

Im Jahr 1996 wurde das Gesetz 7.600 (Costa-ricanische Republik 1996) verabschiedet, durch das der Staat Costa Rica verpflichtet wurde, Kommunikationsbarrieren, die für die gehörlose Bevölkerung speziell im Bildungssystem bestanden, zu beheben. Dieses Gesetz lenkte die Aufmerksamkeit einer größeren Öffentlichkeit auf die Aufgabengebiete, denen sich PROGRESO und der nationale Gehörlosenverband ANASCOR bereits seit Längerem gewidmet hatten.[14] Die Nachfrage an LESCO-Kursen und das öffentliche Interesse an dieser Sprache nahmen zu.

Im Jahr 2001 verabschiedete der Staatspräsident Costa Ricas ein neues Gesetz (Costa-ricanische Republik 2001), durch das die LESCO als „offizielle Kommunikationsform der gehörlosen Bevölkerung des Landes“ anerkannt wurde. Der Nationalrat für Rehabilitation und Sonderpädagogik koordinierte die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen, die die weitere Förderung der LESCO vorantreiben sollten (vgl. Ramírez Valerio 2007). Vorgesehen war auch die Einrichtung eines nationalen Zentrums zur Unterstützung der Sonderschulpädagogik – 2002 umgesetzt durch die Eröffnung des CENAREC, des nationalen Zentrums für inklusive Bildung (Centro Nacional de Recursos para la Educación Inclusiva).

Eine der wohl positivsten Auswirkungen dieser Entwicklungen war, dass das Bildungsministerium und die ihm angeschlossenen Behörden ihre Einstellung änderten und sich aufgeschlossen gegenüber der Idee zeigten, LESCO in den Unterricht an den Gehörlosenschulen einzubeziehen.[15] Die Anzahl der hörenden Lehrer, die LESCO beherrschen, nahm stetig zu und es wurden einige gehörlose Lehrer angestellt. Im Vorschulbereich wurden sogar Pilotprogramme für bilingualen Unterricht (LESCO-Spanisch) gestartet.

Bereits um 2005 herum wurde offensichtlich, dass eine systematische Erforschung von LESCO vonnöten war, um weitere sprachplanerische Aktivitäten wirkungsvoll vorantreiben zu können (vgl. Sánchez 2005). Die hierbei involvierten Gruppen beantragten bei der Regierung Fördermittel, um entsprechende Untersuchungen initiieren zu können. Zu Beginn des Jahres 2008 war es soweit.

Aufgrund der Tatsache, dass es in Costa Rica keinen Experten mit entsprechenden Vorkenntnissen auf diesem Gebiet gab, wurde mir die Aufgabe übertragen, einen Projektantrag zu konzipieren. Die groben Vorgaben lauteten, eine Basisgrammatik und ein Wörterbuch mit 1.000 bis 1.500 Gebärdeneinträgen zu erstellen. Sowohl die Beschreibung der Grammatik als auch das Wörterbuch sollten dem Schema L2 (LESCO) zu L1 (Spanisch) folgen, d.h., das Material sollte in erster Linie für spanischsprachige Benutzer entwickelt werden, die LESCO erlernen wollen.

Der entsprechende Antrag wurde im September 2008 eingereicht (vgl. Oviedo 2008); ihm zufolge sollte zur Durchführung des Projektes eine Forschergruppe eingerichtet werden, bestehend aus fünf costa-rikanischen Gehörlosen. Diese Gruppe sollte zunächst geschult werden, um anschließend Daten erheben, transkribieren und auswerten zu können. Auf diese Weise sollte ein Datenkorpus entstehen, auf dessen Grundlage dann die Grammatik und das Wörterbuch zu erstellen wären. Die Projektdauer war auf 27 Monate angeberaumt und die während dieses Zeitraums zu erstellenden Produkte sollten anschließend online veröffentlicht werden.[16]

Dem Projektantrag wurde 2010 stattgegeben; im Februar 2011 wurde die Arbeit am CENAREC in San José unter meiner Leitung aufgenommen.

  1. Die Projektdurchführung

2.1. Datenerhebung

Als potenzielle Informanten wurden gehörlose LESCO-Nutzer aus der GAM gewonnen – in diesem Areal leben annähernd 62% der Landesbevölkerung. In den Monaten März bis Mai 2011 wurden 141 gehörlose Personen im Alter von 18 bis 60 Jahre interviewt, um eine nähere Auswahl treffen zu können.[17] Die gehörlosen Mitarbeiter der Forschergruppe stuften diese Interviewpartner als flüssige Gebärdende ein. In der Liste der interviewten Personen sollte mindestens je ein Gebärdender aus jeder Stadt vertreten sein, die zur GAM zählen. Dieses Ziel wurde im Großen und Ganzen erreicht.

Nach Prüfung der Interviews mussten 39 Personen ausgeschlossen werden – erst durch die Antworten auf die im Auswahlinterview gestellten Fragen war deutlich geworden, dass sie bspw. zu lange im Ausland gelebt hatten, tatsächlich außerhalb der GAM ansässig waren oder LESCO erst in späteren Lebensjahren erworben hatten. Die übrigen 102 Personen wurden zu Dreharbeiten eingeladen, welche in einem Studio stattfanden. Aufgenommen wurden kontrollierte Erzählungen (die Informanten sahen sich einen Trickfilm an und erzählten anschließend einem Mitglied des Forschungsteams in LESCO, was sie gesehen hatten), freie Erzählungen (persönliche Anekdoten), freie Gespräche (zwischen einem Informanten und einem gehörlosen Forscher) und Interviews (ein gehörloser Forscher stellte dem Informanten Fragen anhand eines zuvor ausgearbeiteten Fragenkatalogs). Generell wurde hierbei mit zwei Kameras gearbeitet: Die eine war auf den gehörlosen Forscher, die andere auf den gehörlosen Informanten gerichtet. Bei einigen Aufnahmen wurde eine dritte Kamera hinzugenommen, die auf das Gesicht des Informanten fokussiert war, um auf diese Weise die Mimik gezielt festhalten zu können.

Das Filmmaterial (35 Stunden, aufgeteilt auf 283 Videodateien) wurde anschließend anhand folgender Kriterien sondiert:

  • Flüssigkeit und Verständlichkeit des Diskurses;
  • technische Qualität der Aufnahme;
  • Ausschluss von Informationen, die Außenstehenden schaden könnten;
  • und zuletzt die Frage, ob die Informanten nach Einschätzung der gehörlosen Projektmitarbeiter tatsächlich LESCO verwandt hatten (und nicht gebärdetes Spanisch oder Amerikanische Gebärdensprache).

Im Endeffekt wurden 43 Filme (ca. 3 Stunden Videomaterial) von insgesamt 24 Informanten ausgewählt.

Diese Daten wurden anschließend mittels ELAN[18] in ein System spanischer Glossen transkribiert und ins Spanische übersetzt. Die daraus resultierenden ELAN-Dateien bilden das LESCO-Korpus[19], auf das sich die spätere Studie stützt. Abbildung 1 veranschaulicht eine dieser ELAN-Dateien.

 

Oviedo-Abb1
Abb. 1

2.2. Das Wörterbuch

Das Wörterbuch wurde online veröffentlicht (http://www.cenarec-lesco.org/) und ist für angemeldete Nutzer einsehbar. Es umfasst 1.104 Einträge und verfügt über eine Suchmaschine, die drei Suchstrategien ermöglicht (alphabetisch, thematisch und nach Handformen). Jeder Eintrag umfasst eine Reihe von Videoaufzeichnungen (welche die Lemmata und Anwendungsbeispiele zeigen), einen Kasten mit einer auf Spanisch abgefassten Beschreibung grammatischer Aspekte und eine Transkription der Anwendungsbeispiele. Abbildung 2 zeigt beispielhaft einen entsprechenden Wörterbucheintrag.

Abb. 2
Abb. 2

Die Liste der spanischen Glossen bzw. der im Korpus vorkommenden Gebärden umfasste 13.000 Einheiten, die anschließend wiederum sondiert wurden: Wiederholungen, falsche Glossen, Gebärden mit Klassifikatorhandformen, nicht lexikalisierte Gesten etc. wurden herausgestrichen. Übrig blieben ca. 1.600 Gebärden. Jede einzelne dieser Gebärden wurde in den Filmaufnahmen identifiziert und daraufhin überprüft, ob es sich um eine oder aber mehrere lexikalische Einheiten handelte. Tauchte die Gebärde in den Daten mehrmals auf, wurden die Vorkommen miteinander verglichen und eine Deskription vorgeschlagen. Schließlich wurde die Beschreibung durch Erläuterungen bezüglich der grammatikalischen Funktion der Gebärde vervollständigt. Tauchte eine Gebärde lediglich ein einziges Mal im Korpus auf, wurde sie anhand dieses Vorkommens beschrieben. Anschließend wurde ein externer gehörloser Informant gebeten, Sätze mit dieser Gebärde zu bilden. Mittels dieser Daten wurde die Beschreibung entsprechend erweitert oder aber bestätigt.

2.3. Die Grammatik

Auch auf die Grammatik haben angemeldete Nutzer unter http://www.cenarec-lesco.org/ Zugriff. Sie ist auf Spanisch verfasst und richtet sich an interessierte Leser ohne fachliche Vorbildung. Der Text ist angereichert mit vielen Beispielen. Jedes einzelne dieser Beispiele besteht aus einer spanischen Glosse, einer Übersetzung ins Spanische und Standbildern, auf denen die entsprechende Gebärde gezeigt wird. Zu jedem Beispiel existiert des Weiteren ein entsprechendes Video. Abbildung 3 zeigt den Aufbau eines solchen Beispiels.

Aufgrund der Grundidee, dass die Grammatik dazu dienen soll, den LESCO-Erwerb als L2 zu unterstützen, wurde vor Beginn der Studie eine Themenliste erstellt, ausgehend von geläufigen grammatikalischen Topics aus Fremdsprachkursen. Die Überprüfung der Korpusdaten orientierte sich dementsprechend an Fragen wie bspw.: „Wie äußert man in LESCO die Funktion X oder die Kategorie Y?“. Um jede dieser Fragen zu beantworten, wurden vielzählige Passagen des Korpus analysiert, die laut Auffassung der gehörlosen Projektmitarbeiter das gesuchte grammatikalische Phänomen vor Augen führen. Konnte die Regelmäßigkeit des jeweiligen Phänomens nachgewiesen werden, wurde auf Grundlage der vorliegenden Beispiele eine Regel formuliert, die dieses Phänomen beschreibt (ebenso wie dessen Variationen oder auch Ausnahmen von der Regel). Anschließend wurden aus den analysierten Fragmenten jene ausgesucht, die am offensichtlichsten die entsprechende Regel repräsentieren und auf dieser Basis wurden die einzelnen Grammatikkapitel verfasst (s. Abb. 3).

Abb. 3
Abb. 3

Es wurden zahlreiche Phänomene beobachtet, die in den erhobenen Daten lediglich ein einziges Mal auftauchten, dennoch vom Forschungsteam als wichtig erachtet wurden und dementsprechend Eingang in die Grammatik fanden. In diesen Fällen wurde das Phänomen mittels des vorliegenden Beispiels beschrieben und anschließend die Einschätzung eines externen gehörlosen Informanten[20] eingeholt. Angesichts der Unzulänglichkeit eines solchen Vorgehens können die im Rahmen dieser Erhebung formulierten Regeln lediglich als Tendenzen aufgefasst werden – eine Bestätigung durch nachfolgende Studien ist erforderlich.

Bei der grammatikalischen Analyse sind wir unterschiedlichen Theorien gefolgt: Während auf phonologischer Ebene die erste Version des Halt-Movement-Modells von Liddell und Johnson (1989) benutzt wurde, folgten wir auf komplexeren Ebenen strukturalistischen (mittels Konzepten wie „Flexion“, „Derivation“ und „Komposition“ (vgl. Bickford 1998)), generativistischen (durch die Beschreibung der „semantischen Rolle“; vgl. Keller & Leuninger 1993) oder funktionalistisch-kognitiven (auf Diskursebene; vgl. Faucounnier 1985 und Liddell 2004) Ansätzen.

Aus typologischer Perspektive unterscheidet sich LESCO nicht von der Mehrheit der bereits beschriebenen Gebärdensprachen: So kommen in Sequenzen geordnete Morpheme relativ selten vor, stattdessen gliedern sich die grammatischen Morpheme als Veränderung formaler Merkmale wie räumliche Lokalisation oder Handstellung recht häufig in die Stämme ein. LESCO nutzt ebenfalls ein reichhaltiges System an Klassifikatorhandformen (vgl. Oviedo 2001) und nutzt den Raum grammatisch mittels verschiedener Typen von Personal-, Raum- und Zeitdeixis. Und schließlich lassen sich in den erhobenen Gebärdendiskursen Sequenzen beobachten, die häufiger nach dem Schema „Topik-Kommentar“ als nach dem Schema „Subjekt-Prädikat“ konstruiert sind (vgl. ebd.).

  1. Abschließende Überlegungen

Die mit dem Projekt LESCO verbundenen Ziele wurden erreicht: Eine Basisgrammatik und ein Wörterbuch liegen vor. Zusätzlich wurde ein Datenkorpus erstellt, das für weitere Studien zur Verfügung steht. Folgende Überlegungen über zukünftige sprachplanerische Maßnahmen zu LESCO sollen diesen Artikel abschließen:

Eine Erhebung von LESCO außerhalb der GAM sollte baldmöglichst initiiert werden. Die dabei erhobenen Daten sollten das Korpus aus dem Projekt LESCO ergänzen und Grundlage für neue Studien sein.

Empfehlenswert wäre, den Erwerb von LESCO als L1 ebenfalls zu erforschen, um anhand der hieraus erwachsenen Erkenntnisse die Teilhabe der Gehörlosengemeinschaft zu fördern und bilinguale Bildungprogramme zu unterstützen.

Literatur

Bickford, J.Albert (1998): Tools for Analyzing the World´s Languages. Morphology and Syntax. Dallas: SIL.

Bravo, Ermida (Hg./1979): Hacia una nueva forma de comunicación con el sordo. San José: MEP.

Costa-ricanische Republik (1996): „Ley 7.600 sobre Igualdad y Equiparación de Oportunidades para las Personas con Discapacidad“. Diario Oficial La Gaceta No. 112 vom 29.05.1996. San José: Imprenta Nacional.

Costa-ricanische Republik (2001): „Directriz Presidencial“ (que regula las políticas nacionales en materia de discapacidad). Diario Oficial La Gaceta Nº 27 vom 30.01.2001. San José: Imprenta Nacional.

Costa-ricanische (2008): „Ley Nº 8.661 del 19 de Agosto de 2008: Convención Internacional de los Derechos de las Personas con Discapacidad y su Protocolo Facultativo“. Diario Oficial La Gaceta Nº 187 vom 29.09.2008. San José: Imprenta Nacional.

Costa-ricanische Republik (2012): „Ley de reconocimiento del lenguaje de señas costarricense (LESCO) como lengua materna“. Diario Oficial La Gaceta Nº 140 vom 19.07.2012. San José: Imprenta Nacional.

Fauconnier, Gilles (1985): Mental spaces. Cambridge: Cambridge University Press.

INEC (2011): Resultados Generales Censo 2011. San José: INEC.

Infante, Maria (2005): Sordera: mitos y realidades. San José: UCR.

Keller, Jörg & Helen Leuninger (1993): Grammatische Strukturen – Kognitive Prozesse. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Narr.

Liddell, Scott (2004): Grammar, Gesture and Meaning in American Sign Language. Cambridge: Cambridge University Press.

Liddell, Scott. & Robert E. Johnson (1989): „American Sign Language: The Phonological Base“. In: Sign Language Studies 64, 195–227.

López, Diana Maria (1992): Comuniquémosnos mejor. Diccionario Ilustrado de Lengua de Señas Costarricense. San José: Deisa.

Moores, Donald F. (1978):Educating the deaf: Psychology, principles and practices. Boston: Houghton Mifflin.

Oviedo, Alejandro (2001):Apuntes para una gramática de la Lengua de Señas Colombiana. Cali: INSOR/UNIVALLE.

Oviedo, Alejandro (2008):„Anteproyecto para la Descripción Básica de la LESCO“. Berlín/SanJosé: CENAREC [Ms., unveröff.].

Valerio, Christian (2007): „La planificación lingüística del Comité Nacional de LESCO (CONALESCO). Una Memoria Histórica“. San José: ANASCOR [Ms. unveröff.].

Ramírez Valerio, Christian (2013): „Análisis sistémico-funcional de la estructura de la cláusula como mensaje en la lengua de señas costarricense“. San José: Universidad de Costa Rica [Magisterarbeit, unveröff.].

Retana, Priscila (1993): „Descripción del aspecto verbal en la lengua costarricense de señas“. Universidad de Costa Rica [Magisterarbeit, unveröff.].

Sánchez, Carlos (2005): „El español y el LESCO en el marco de la enseñanza de una segunda lengua para las personas sordas en Costa Rica“. In: Revista Educación 29/2, 217–232.

World Federation of the Deaf & Swedish National Association of the Deaf (2008): „Global Survey Report – WFD Regional Secretariat for Mexico, Central America and the Caribbean (WFD MCAC) by the World Federation of the Deaf and the Swedish National Association of the Deaf, 2008“. Helsinki.

Woodward, James (1991): „Sign language varieties in Costa Rica“. In: Sign Language Studies 20, 329–346.

Woodward, James (1992): „Historical bases of new Costa Rican Sign Language“. In: Revista de Filología y Lingüística de la Universidad de Costa Rica 18/1, 127–133.

 

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Die Verfasser:

Dr. Alejandro Oviedo, Sprachwissenschaftler. Hat verschiedene Forschungsprojekte über die Gebärdensprachen Venezuelas, Kolumbiens und Costa Ricas geleitet. Lebt seit 2005 als Dozent und Autor in Berlin.

E-Mail: alejoberlin@gmail.com

Christian Ramírez Valerio, M.Sc., Sprachwissenschaftler. Ehemaliges Vorstandmitglied und Berater für linguistische Angelegenheiten des nationalen Gehörlosenverbands in Costa Rica. Aktuell koordiniert er den Expertenausschuss des Referats Mexiko, Mittelamerika und Karibik beim Weltverband der Gehörlosen.

E-Mail: xianlesco@yahoo.com

Fußnoten:

[1] Die Verfasser danken Prof. Dr. Lionel Tovar Macchi (Universidad del Valle, Kolumbien) herzlich für seine hilfreichen Kommentare zur ersten Textfassung des Artikels.

[2] Der Artikel erschien als Oviedo, A. und Ch. Ramírez Valerio (2013) “Das Proyecto LESCO: Entstehung und Durchführung eines Forschungsprojekts für eine erste Beschreibung der Costa-ricanischen Gebärdensprache (2011–2013)”. Das Zeichen, (95) S. 358-364. Die Veröffentlichung in Cultura Sorda erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin. Der Text wurde ursprünglich auf Spanisch abgefasst und von Johanna Müller de Oviedo ins Deutsche übersetzt.

[3] Unter Sprachplanung wird die Förderung der LESCO durch verschiedene Maßnahmen verstanden, ihre linguistische Beschreibung war dabei ein wichtiger Schritt.

[4] Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel musste das Projekt auf die Analyse von Daten beschränkt werden, die innerhalb der am dichtesten bevölkerten Region des Landes (Gran Area Metropolitana; GAM) erhoben wurden. Durch diese Entscheidung wurden möglicherweise andere regionale Variationen der LESCO von der Studie ausgeschlossen. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass die im Rahmen des Projektes erstellten Materialien nicht die Vielfältigkeit der LESCO widerspiegeln und damit andere Variationen dieser Sprache benachteiligen. Hierzu liegt bisher keine Stellungnahme der costa-ricanischen Gehörlosengemeinschaft vor. Christian Ramírez Valerio, Co-Autor dieses Beitrags und gehörloser Linguist aus Costa Rica, steht bereits in Kontakt mit gehörlosen Costa-Ricanern aus anderen Teilen des Landes. Ziel ist, diesen zu erläutern, dass die Materialien, die aus dem Projekt LESCO hervorgegangen sind, nur als Anfang der Forschungen zu LESCO zu verstehen sind. Es gilt, Druck auf die Regierung auszuüben, damit schon bald mit der Datenerhebung zu LESCO-Variationen außerhalb der GAM begonnen werden kann.

[5] Costa Rica verfügt im weltweiten Vergleich über eine ausgesprochen hohe Biodiversität.

[6] Man nimmt an, dass sich OLESCO („old LESCO“) aus einer Mischung der autochthonen Gebärden der Region von San José und der Spanischen Gebärdensprache entwickelt hat. Bevor die Gehörlosenbildung im Jahr 1940 in Costa Rica formell ihren Anfang nahm, wurden viele Gehörlose in Spanien an dortigen Gehörlosenschulen unterrichtet. Der hierdurch gegebene Einfluss der Spanischen Gebärdensprache verstärkte sich in den folgenden Jahren noch durch die Ankunft spanischer Gehörlosenlehrer (vgl. Infante 2005).

[7] NLESCO („new LESCO“) entwickelte sich vermutlich ausgehend von den Einflüssen, die die Amerikanische Gebärdensprache mittels der Einführung der Total Communication an den costa-rikanischen Gehörlosenschulen in den 1970er-Jahren auf die OLESCO ausgeübt hat. Dieser Einfluss nahm in den darauffolgenden Jahrzehnten zum einen aufgrund der Präsenz US-amerikanischer christlicher Missionare im Land zu, zum anderen durch die Vergabe von Stipendien seitens der Gallaudet University an costa-rikanische Gehörlosenlehrer und führende Persönlichkeiten der Gehörlosengemeinschaft (vgl. Ramírez Valerio 2007 und 2013).

[8] Bei den Brunca und den Bribri handelt es sich um indigene Stämme, aus denen aus ungeklärten Gründen ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz gehörloser Menschen hervorging.

[9] Persönliche Mitteilung gehörloser Personen aus San José (Mai 2011).

[10] Persönliche Mitteilung von Marcela Zúñiga, Vorstandsmitglied des costa-ricanischen Verbandes der LESCO-Dolmetscher (September 2013).

[11] Diese Zertifizierung wird von vielen Gehörlosen in San José heftig kritisiert und in Frage gestellt. Ihrer Meinung nach werden hierbei Dolmetscher bevorzugt, die aufgrund ihres gebärdeten Spanisch lediglich mit Schwerhörigen bzw. mit Spätertaubten gut kommunizieren können. Gehörlose, die nur wenig Spanisch beherrschen, verstehen diese Dolmetscher hingegen kaum (persönliche Mitteilung verschiedener Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft in San José (2012)).

[12] Auch wenn die Kurse den Total Communication-Ansatz verfolgten, wurde mit LESCO-Gebärdenlisten gearbeitet.

[13] Programa Regional de Recursos para la Sordera.

[14] 1999 richtete ANASCOR eine Kommission zur Förderung und Anerkennung der sprachlichen und kulturellen Rechte Gehörloser in Costa Rica ein. Eines der Ziele dieser Kommission war die Schaffung eines Programms zur Ausbildung von LESCO-Dolmetschern an einer staatlichen Universität des Landes (vgl. Ramírez Valerio 2007, 3).

[15] Persönliche Mitteilung von Josefina Bonilla, einer leitenden Mitarbeiterin des Bildungsmisteriums (Oktober 2011).

[16] Hierdurch sollte zum einen ermöglicht werden, die Inhalte permanent zu aktualisieren, zum anderen wäre auf diesem Wege eine größere Verbreitung zu geringeren Kosten zu erreichen.

[17] Personen über 60 Jahre wurden ausgeschlossen, um zu vermeiden, dass bei den Interviews womöglich OLESCO genutzt wurde.

[18] Die Software kann heruntergeladen werden auf der Website des Max Planck Institute for Psycholinguistics, Nijmegen, Niederlande (http://tla.mpi.nl/tools/tla-tools/elan/ (06.09.2013)).

[19] Dieses Korpus ist durch die Lizenz Creative Commons BY-NC-SA geschützt. Die Nutzungserlaubnis kann in der Forschungsabteilung des CENAREC (info@cenarec.org) beantragt werden.

[20] Auf solche Informanten wird im Text als „die konsultierten Informanten“ verwiesen.

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